Project Description

19 x 21

Galerie Forum Kunst, Weilheim
Einzelausstellung
1997

Steffen Schlichter:

Ebene 1: Aufeinanderlegen – Schichten. Eine alltägliche, vertraute Handlung. Man legt Papier zur Seite und meist aufeinander, man legt die frische Wäsche ordentlich in den Schrank – gleiches zu gleichem: aufeinander. Die einfache Handlung des Aufeinanderlegens schafft Ordnung und Klarheit. Sie zu nutzen, ist selbstverständlich.

Ebene 2: Einen Spülschwamm oder ein Wischtuch hat man täglich in der Hand, sei feucht oder trocken, bewusst oder in der alltäglichen Haushaltsroutine integriert. Die Spanplatte als Fussboden, die Tischlerplatte als Regalbrett, der Autoschwamm am Samstagsnachmittag, der Tapeziertisch bei der Wohnungsrenovierung – sehr vertraut, nichts Neues: banal.

Ebene 3: Die in Stuttgart lebende Künstlerin Beate Baumgärtner legt Dinge aufeinander. Ausgangspunkt war ein einfaches Schwammtuch mit den Massen 19 x 21 Zentimeter. Hinzu kamen verschiedenartige Holzplatten, ins gleiche Massverhältnis gesägt. Diese lassen sich mit dem Schwammtuch nach einem strengen System kombinieren: Eine Holzplatte wird flach hingelegt, darauf legt man kantengenau ein Schwammtuch, darauf wiederum kantengenau eine weitere Holzplatte. Dieser Vorgang lässt sich beispielsweise mit bis zu maximal fünf Schwammtüchern und sechs Holzplatten fortsetzen. Setzt man nun weiterhin die mögliche Verwendung verschiedener Hölzer und verschiedener Schwämme voraus, ergibt sich daraus eine immens grosse Anzahl unterschiedlicher Variationen.

Ebene 4: Für ihr Ausstellungsprojekt im Forum Kunst, Marktstrasse 14 in Weilheim, wählte die Künstlerin einige ihrer Objekte (Stapelungen) aus, um sie, ergänzt durch exakte Pläne und „Materiallegenden“, plastisch anschaulich zu machen. Den Besucher erwarten Präsentationen, die einerseits in ihrer Strenge das angewandte Verfahrenssystem offen legen, andererseits jedoch auch verspielt und teils witzig die Bandbreite der Möglichkeiten demonstrieren.

Ebene 5: Es ist nicht gleichgültig, an welcher Stelle eines Stapels sich ein Material befindet, denn ihm wird sein Platz zugewiesen, und dadurch Ordnung geprägt. Der Betrachter ist diesem Angebot ausgesetzt, es ist jedoch kein statisches, sondern es zwingt zur konstruierenden und rekonstruierenden Handlung als „imaginativer Aktivität“. Ohne jedoch dabei die Objekte haptisch zu ergreifen oder zu verändern. Man spielt das „Bauklötzchenspiel“ nach der einfachen Regel: Holz – Schwamm – Holz et cetera.

Ebene 6: Erheben die solitär präsentierten Objekte ganz selbstverständlich den Anspruch auf einen autonomen Kunstwert, so ist spannend zu erkennen, dass eine auf zwei aneinandergerückten Tischen sehr eng arrangierte Anhäufung sehr unterschiedlicher Objekte eine weitere Betrachtungsweise aufdrängt: Das modellhafte des Einzelobjekts wird verdeutlicht, es steht stellvertretend für beliebig viele weitere „seiner Art“ und die vielfältigen Bezüge zwischen diesen Modellen erinnern plötzlich ganz klar an Architekturen. Die unterschiedlich dicken, farbigen, geformten Schwämme, horizontal getrennt durch die immer gleich grossen Holzplatten, schaffen Innen- Hohl- und Zwischenräume, die vielfältige Assoziationen von Strassenzügen, Balkonen, Nischen und anderen architektonischen Anspielungen aufweisen.